März 2000 - Schweizer Touristik

03 - 2000

Schweizer Touristik - Switzerland's First Travel Trade Magazine

März 2000 - PDF Version

FIRST CATERING PRODUKTION AG AUF EXPANSIONSKURS

Balair isst fremd

Der vor fünf Jahren gegründete Airline-Cateringbetrieb First Catering Produktion AG befindet sich weiter auf Expansionskurs. Zu den neuesten Kunden zählt überraschend die Balair, respektive Hotelplan. Besitzer, Geschäftsführer und «Edelweiss Hauslieferant» Markus Oberholzer beschäftigt heute knapp 100 Mitarbeiter.

VON MICHAEL HUTSCHNEKER

Falsch. Für einmal geht die Gleichung zur grossen Überraschung nicht auf: Balair gleich SAirLines, SAirLines gleich SAirGroup, SAirGroup gleich SAirRelations und SAirRelations gleich Gate Gourmet. Will heissen, dass, weil alles unter einem Gruppendach «produziert» wird, der Balair Passagier auf dem Flug in die schönsten Tage des Jahres - wie könnte es anders sein - mit Catering aus der Küche von Gate Gourmet verpflegt wird.

Wie es anders sein könnte, erfahren respektive erfliegen die Balair-Passagiere auf den fabrikneuen B-757, welche (theoretisch) ab I. April 2000 exklusiv für die Kunden der HP Swiss Group unterwegs sind. Was nämlich die charmanten Flight Attendants auf dem Weg an die sonnigsten Strände an Verpflegung aus dem Trolley ziehen, stammt dann nicht aus der SAir-gruppeneigenen Flugküche am Flughafen Kloten, sondern wird in Bassersdorf zubereitet. Hier, im Industriequartier Grindel, hat die vergleichsweise bescheidene First Catering Produktion AG ihren Geschäftssitz.

Markus Oberholzer lächelt leicht spitzbübisch, wenn das Thema Balair zur Sprache kommt. Die Überraschung ist ihm und seinem Team gelungen, und er macht aus der Freude über den lukrativen Auftrag kein Geheimnis. Aber nicht etwa Schadenfreude, wie der Alleinaktionär und Geschäftsführer ausdrücklich betont. Denn seine Beziehungen zur grossen Gate Gourmet sind ausgezeichnet, Konkurrenz hin oder her. Vielmehr ist es so, dass sich die beiden Caterer gut ergänzen, und schliesslich ist es dieselbe Gate Gourmet, welche auf Oberholzers Kundenliste ziemlich weit oben steht, nicht nur alphabetisch.

Doch gut sind nicht nur die Kontakte des selbständigen Unternehmers zu seinem früheren Arbeitgeber Gate Gourmet, sondern seit langer Zeit auch schon zur Balair. Doch das allein war für den überraschenden Zuschlag keineswegs allein ausschlaggebend. Denn es ist Hotelplan, welcher den Leasingvertrag für die beiden B-757 unterzeichnet hat, und deshalb tritt der Veranstalter auch als Auftraggeber auf. Gemäss Oberholzer wünscht Hotelplan bei seinem neusten fliegenden Baby einerseits eine klare Kostentransparenz, andererseits war man an der Habsburgstrasse von dem, was die First Catering für die Edelweiss Air respektive Kuoni produziert, und von der positiven Art der Zusammenarbeit offenbar sehr angetan. Nachdem HP-Chef Claus Niederer persönlich einer Food-Präsentation in Bassersdorf beiwohnte, durfte Oberholzer (mit)offerieren - und erhielt, allem SAir-Gruppendenken zum Trotz, den Zuschlag.

Kosten nicht unwichtig

«Nebst verschiedenen Aspekten wie eben Präsentation, Ideen, Kreativität und Qualität haben sicher auch die Kosten eine Rolle gespielt», nennt Oberholzer einen weiteren Grund, der zugunsten des Kleineren entschieden hat. Seit der Gründung seiner Firma im April 1995 verfolgt der Catering-Profi mit Erfolg eine Nischenmarkt-Philosophie, und zwar «off-Airport», wie der Besitzer ausdrücklich betont. Dies erlaubt ihm dank beispielsweise viel günstigeren Mieten als auf dem Airportgelände eine markant günstigere Kostenstruktur. Natürlich weist der Standort Bassersdorf auch Nachteile wie etwa einen eingeschränkten Bewegungsradius auf, und er verlangt auch eine höhere Mobilität gegenüber den Kunden. Dennoch überwiegen die Vorteile deutlich. Sogar so klar, dass vor einem Jahr im Nebenhaus neue Räumlichkeiten bezogen werden konnten und sich die Produktionsfläche von anfangs 1000 auf heute 3000 Quadratmeter erhöhte. Gleichzeitig erfolgte die Einrichtung einer heissen Küche nach neusten EDV-Erkenntnissen. Diese erlaubt es nun, alles in eigener Regie, also «inhouse», zu produzieren. Angesichts der zunehmenden Kundenvielfalt, welche eine breitere Angebotspalette sowie einen hohen Flexibilitätsgrad erfordere, habe sich ein Ausbau der Infrastruktur aufgedrängt. «Gegenüber unseren Kunden ist nun ein viel höherer Aktionsradius gewährleistet», blickt Oberholzer zufrieden auf die getätigten Investitionen.

Täglich zwischen 4000 und 5000 Mahlzeiten

Vor fünf Jahren mit drei Mitarbeitern ins Abenteuer eigenes Catering-Unternehmen gestartet, beschäftigt Oberholzer heute 97 Mitarbeiter und produziert täglich 4500 bis 5000 Mahlzeiten. Nach Schätzungen der ST dürfte sich der Umsatz von 1,7 Millionen Franken im ersten Jahr nun in die Nähe des Zehnfachen hinbewegen. Zu den Kunden zählen die Edelweiss Air, LTU, EasyJet, Aviagenex, Balair, zahlreiche Abnehmer in der Privatfliegerei (General Aviation), Crossair (Crew-Catering) und Gate Gourmet, welche von der First Catering ausgelagerte Zulieferungen bezieht.

Für die EasyJet hat Oberholzer das Risiko und Inkasso des Bordverkaufs (Kiosk) übernommen und bezahlt dem britischen Günstigflieger dafür sogar noch eine Kommission. Ein gutes Business sei es dennoch allemal, schmunzelt der clevere Manager. Und für Edelweiss und Balair lohnt sich der Auftrag immer gleich doppelt: Aus logistischen Gründen sowie dem Aspekt der Qualitätssicherung beziehen beide Carriers die Bordverpflegung für ihre Hin- und Rückflüge aus Bassersdorf.

Könnte es sein, dass früher oder später auch einmal die Langstreckenpassagiere der Balair mit Köstlichkeiten aus der Küche der First Catering verwöhnt werden? Oberholzer lässt die Frage diplomatisch unbeantwortet. Know-how und Kapazitäten jedenfalls wären genügend vorhanden.