24. Februar 2006 - Zürichsee-Zeitung

02 - 2006

Zürichsee-Zeitung - Rechtes Ufer

24. Februar 2006 - PDF Version

Uetikon: Markus Oberholzer hat Stellen für Behinderte geschaffen und einen, Preis erhalten

Der starke Wille brachte ihn weit

Mit drei Mitarbeitern fing er vor gut zehn Jahren an. Heute beschäftigt Markus Oberholzer weltweit 1400 Menschen, 40 davon sind Behinderte. «Mit einem starken Willen schafft man alles», glaubt er.

Eva Robmann

«Wir geben dem Oberholzer höchstens sechs Monate», hätte die Catering Konkurrenz im Zürcher Flughafen gesagt, erzählt Markus Oberholzer. Nun betreibt der ehemalige Koch und Hotelier sein «First Catering»-Unternehmen drei Kilometer ausserhalb des Flughafens bereits seit über zehn Jahren. Oberholzer sitzt, am Esstisch seiner Villa oberhalb Uetikon, wo der gebürtige Horgner mit seiner Familie seit einigen Jahren wohnt, und lächelt schelmisch. 1995 hat er mit drei Mitarbeitern angefangen, heute sind es weltweit 1400 Leute, 240 davon in der Schweiz, in Bassersdorf. Dort sind 40 Stellen für Behinderte reserviert. Dafür hat Markus Oberholzer kürzlich den erstmals vergebenen «ThisPriis» erhalten (siehe Kasten).

«Schon während meiner Kochlehre hatte ich den Traum, mich einmal selbstständig zu machen», sagt der 49-Jährige. Nach der Hotelfachschule und mehreren Auslandaufenthalten in Luxushotels übernahm er - noch keine 30 Jahre alt - das Palace-Hotel in Mürren. Er war, damals der jüngste Hotelier in der Schweiz. Nachdem er zwei Jahre lang für das "Wohlergehen seiner Gäste bis spät abends gesorgt hatte, war’s genug. Die Berge engten ihn ein, er wollte ins Ausland, suchte «etwas Exotisches», wie er sagt. Mit 30 Jahren wechselte Oberholzer zur SAir-Gruppe und leitete für «Gate Gourmet International» zwei Unternehmen in Kairo.

Sieben Zimmer - oder doch acht?

Er habe sehr gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Arabern gemacht, sagt Markus Oberholzer, und ereifert sich über das Zeitgeschehen, und dass man nun alle Araber und Moslems in einen Topf werfe. Oberholzer debattiert mit Leidenschaft. Dann steht er auf und geht in die geräumige, offene Küche. Das Haus hat Oberholzer in drei Etappen umbauen lassen. «Nun fehlt nur noch ein Natur-Badeteich im Garten», sagt er und grinst. Sein seidenes blaues Hemd glänzt, die Krawatte ist bunt gestreift. Wie viele Zimmer hat das Haus? Oberholzer sucht den Espresso-Knopf an der eingebauten Kaffeemaschine und zählt still vor sich hin. «Ach, sieben oder acht oder so», sagt er leichthin. «Einfach Platz genug für meine vier Kinder.» Das Mädchen ist sieben Jahre alt, dann kommen drei Buben, der Jüngste ist zwei Monate alt. «Ich wollte erst eine Familie gründen, wenn ich Platz genug zum Wohnen habe», sagt er. Der Espresso tröpfelt in die Tasse. Seine junge Frau hat Markus Oberholzer an einem von der Fluglinie Edelweiss angebotenen Ausbildungskurs kennen gelernt. Er war gerade zurück aus Kairo und stellte den Auszubildenden den Catering-Betrieb vor. Seine Frau, eine ehemalige Hostess und Romande, die zuvor eine Zeit lang auf Mauritius gelebt hatte, war ihm sofort aufgefallen. Ein Jahr später heiratete das Paar.

First Catering statt «Psychi».

Etwa zeitgleich gründete Oberholzer seine eigene Catering-Firma, die verschiedene Airlines mit Essen beliefert. Der «Bürokrieg» dauerte rund zwei Jahre, bis er alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hatte und seine Firma in Bassersdorf den Zollfreilagerstatus erhielt. «Mit einem starken Willen schafft man alles», sagt Oberholzer überzeugt. Von da an schrieb das Unternehmen nur noch Gewinne. Von ehemals drei Mitarbeitern konnte er den Schweizer Betrieb auf 240 Angestellte ausweiten und einen Jahresumsatz von 27 Millionen Franken erwirtschaften. Dafür zeichnete das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Ernst&Young ihn im Jahr 2002 als «Entrepreneur of the Year» aus.

Oberholzer gründete mehrere Tochterunternehmen in Nigeria, Ghana und Südafrika und übernahm eine .Wäscherei in Kloten. Er spricht vom Synergieeffekt. In derselben Begeisterung erzählt er von den 40 psychisch Kranken, die jeden Tag mit, den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bassersdorf kommen, um im gleichen Raum wie die «Gesunden» zu arbeiten. «Das gibt Selbstvertrauern», sagt er, «dass diese Leute sagen können, sie arbeiten bei <First Catering> statt in der <Psychi>.» Schon zu Beginn seiner Unternehmensgründung hatte er den Kontakt zum Psychiatriezentrum Embrach gesucht.

Langsamer, aber einwandfrei

Bereits in Kairo hatte Oberholzer mehrere Behinderte auf der Lohnliste gehabt, wo dies gesetzlich vorgeschrieben war. Diese Personen oder ihre Verwandten erhielten monatlich ein Salär, mussten jedoch nicht zur Arbeit erscheinen. Das passte dem Unternehmer Oberholzer nicht. Er lud alle Behinderten, die sich auf seiner Lohnliste befanden, vor und prüfte, welche Arbeit für sie zumutbar war: Da erlebte er, mit welcher Begeisterung diese Menschen ihre Arbeit verrichteten - langsamer zwar, aber einwandfrei.

Oberholzer reagierte deshalb sofort, als das Psychiatriezentrum in Embrach Arbeit für seine Werkstatt suchte. Anfänglich wurden jeden Tag riesige Mengen an Besteck zum Verpacken dorthin chauffiert und danach wieder zurück nach Bassersdorf transportiert. Das erschien Oberholzer ökonomisch und ökologisch wenig sinnvoll. So lud er die Leute ein, doch zu ihm nach Bassersdorf zur Arbeit zu kommen. Die dauernden Wechsel der Aufsichtspersonen, die sie begleiteten, störte ihn aber: «Das brachte nur Unruhe.» Oberholzer überredete einen Psychiatriepfleger, diese Aufgabe zu privatisieren und ein eigenes Unternehmen unter den Fittichen von «First Catering» zu gründen. Vor zwei Jahren gründete Hans-Jörg Notz, Psychiatriepfleger und ehemaliger Bierbrauer, die Notz Produktionen. Seither sorgt Notz dafür, dass die von «First Catering» zu vergebende Arbeit täglich und zeitgerecht erledigt wird.

Weniger Medikamente dank Job

1,8 Millionen Bestecke werden jährlich von den 40 psychisch Kranken kontrolliert und verpackt: Messer, Gabel, Löffel, Salz und Pfeffer, je nach Wunsch der verschiedenen Fluggesellschaften. «Die Leute arbeiten sehr zuverlässig», sagt Oberholzer begeistert. Nur zwei schriftliche Beanstandungen seien im ganzen Jahr eingegangen. «Das würde man mit Gesunden und der dafür geltenden Zeitvorgabe nie schaffern», ist Oberholzer überzeugt. Zwei bis fünf Franken Stundenlohn erhalten die IV Bezüger, ein willkommenes Taschengeld. Und zusätzlich haben sie das Gefühl, gebraucht zu werden, etwas Nützliches zu tun. Die Dosierung von Medikamenten sei bei den Angestellten um 50 Prozent zurückgegangen, sagt Markus Oberholzer.

Was der erste mit 15000 Franken dotierte Preis der «ThisPriis»- Vergabe für ihn bedeute? - «Es ist die höchste Auszeichnung und Ehre dafür, dass ich als Unternehmer die häufig im Leitbild von Unternehmen aufgeführte Sozialkompetenz auch lebe und umsetze», sagt Oberholzer stolz. Das Shop-in-Shop-Konzept, wie es «First Catering» und die Notz Produktionen betreiben, sieht Oberholzer als zukunftsträchtiges Modell für die Integration von Behinderten. «Zwei ehemalige Embracher Patienten, ein Mann und eine Frau, sind in der Zwischenzeit als Vollzeiter auf der Lohnliste von <First Catering> aufgeführt», sagt der Unternehmer, «IV Gelder brauchen sie nicht mehr.»

Der «This»-Preis

Der «This-Priis» ist dieses Jahr erstmals vergeben worden. Die Familien Widmer in Winterthur, Wald und Luzern zeichnen damit Unternehmen aus, die Behinderte erfolgreich in ihren Arbeitsprozess integrieren. 27 Unternehmen haben sich um die Vergabe der insgesamt 25000 Franken Preisgeld beworben. Markus Oberholzers First Catering Produktion AG in Bassersdorf hat den ersten Preis gewonnen, ihre Notz Produktionen beschäftigt 40 behinderte Menschen. Den zweiten Preis gewann die Hosberg AG in Rüti, der dritte Preis ging an die Mico Präzisionsmechanik GmbH in Kaltbrunn. Beide Unternehmen beschäftigen je zwei Behinderte. Benannt ist der Preis nach dem zerebral gelähmten und stark sehbehinderten Mathias «This» Widmer, der mit 40 Jahren nicht mehr in einer geschützten Werkstatt arbeiten wollte, sondern eine richtige Anstellung suchte. Der heute 50-jährige This hat Jahre später eine Stelle gefunden und arbeitet heute in der Mensa eines privaten Gymnasiums in Zürich. (ero)

This Priis