2007/06 economiesuisse

06 - 2007

economiesuisse

07. Juni 2007 - PDF Version

KMU-Portrait: First Catering Produktion AG, Bassersdorf

Markus Oberholzer beschäftigt in seiner Firma First Catering 250 Leute. Davon sind 40 Menschen geistig oder psychisch beeinträchtigt. Sie lebten zuvor in einer geschützten Werkstatt, sind jetzt aber bestens in einem normalen Umfeld integriert.

1995 gründete Markus Oberholzer das Unternehmen First Catering. Er war der erste Airline-Caterer der Schweiz, der sich ausserhalb des Flughafens ansiedelte. In der Industrie- und Gewerbezone von Bassersdorf kann sieben Tage die Woche während 24 Stunden produziert werden. Die Mietkosten sind acht bis zehn Mal tiefer als am Flughafen selbst. Ausserdem ist der Standort in unmittelbarer Nähe zum Flughafen. Dadurch fallen tiefere Kosten an.

Neben der Tätigkeit in einem Nischenbereich macht Markus Oberholzer vor allem als sozialer Unternehmer von sich reden.

Gelebte Sozialkompetenz

Sozialkompetenz gehört zur Unternehmensphilosophie von First Catering. Deshalb hat Markus Oberholzer 40 Menschen aus der geschützten Werkstatt in Embrach in seinen Betrieb integriert. Sie kontrollieren und verpacken Besteck. Die behinderten Menschen können so in einem normalen Umfeld leben und arbeiten. Oberholzer bietet ihnen ein flexibles Arbeitsmodell. Das Arbeitspensum der beeinträchtigten Mitarbeiter beträgt 20 bis 100 Prozent. Oberholzer integriert geistig und psychisch Beeinträchtigte, da sie für die Arbeit in seinem Unternehmen relativ mobil sein müssen, intellektuell aber wenig gefordert werden. Jeder behinderte Mitarbeiter erhält zum Geburtstag ein Geschenk und wird bei finanzieller Not sofort unterstützt. Inzwischen hat Oberholzer noch die Prohotel Wäscherei übernommen, und auch hier werden wieder behinderte Menschen integriert.

Einzigartige Qualität

Für Markus Oberholzer hat sich die Integration von Behinderten bewährt: „Es funktioniert hervorragend. Die Betroffenen sind wirtschaftlich integriert, sie werden gebraucht.“ Alle behinderten Mitarbeiter fahren mit dem öffentlichen Verkehr zur Arbeit. Einige konnten die Medikamenteneinnahme um bis zu 50 Prozent reduzieren. Bei zwei Mitarbeitern hat sich der Gesundheitszustand mittlerweile so stabilisiert, dass sie nun fest angestellt sind und in einer betreuten Wohngemeinschaft wohnen. Ein weiterer Beweis für das Funktionieren der Integration ist die Qualität. Bei insgesamt 1,8 Millionen Bestecksets im letzten Jahr gab es lediglich zwei schriftliche Reklamationen. Der Chef ist sichtlich stolz auf seine Mitarbeiter. „Die Qualität ist einzigartig. Gesunde würden nie eine so hervorragende Qualität erreichen“, schwärmt Oberholzer. Da nimmt er höhere Kosten gerne in Kauf.

Wo ein Wille ist, da ist ein Weg

Als Erfolgsrezept für die gelungene Integration nennt Markus Oberholzer Bekenntnis, Bereitschaft von allen und vor allem Willen. Mit diesem Willen hat Oberholzer das Leben von vielen beeinträchtigten Menschen wieder lebenswert gemacht. Deshalb wurde er 2006 mit dem „This-Priis“ unterstützt. Mit dem Preisgeld hat er die Stiftung „Thimo“ gegründet. Sinn der Stiftung ist die Unterstützung von behinderten Menschen in finanzieller Not oder bei besonderen Umständen. Mit seiner Stiftung leistet Oberholzer nun jährlich einen Beitrag von 5000 Franken an „This-Priis“, damit auch in Zukunft Firmen, die Behinderte integrieren, belohnt werden können.

Wirtschaftspolitische Wünsche:

  • Wirtschaftsförderung
    Sinnvolle Wirtschaftsförderung soll neben der Ansiedlung neuer Firmen ein Schwergewicht auf die Pflege und Förderung der bestehenden Unternehmen und deren Rahmenbedingungen legen. Im heutigen Umfeld hätte eine kleine Initialzündung auch gesellschaftspolitisch eine Riesenwirkung.
  • Integration im Hinblick auf die 5. IV-Revision
    Die 5. IV-Revision setzt auf „Eingliederung vor Rente“. Arbeitgeber sollen in der Integration von Behinderten besser unterstützt werden. Wirkliche Auseinandersetzung mit diesem Thema, umfangreiche Information und Gestaltungshilfe bei der operativen Umsetzung sind dabei wichtiger als finanzielle Anreize.
  • Soziale Unternehmen
    Das Leben und Vorleben von Sozialkompetenz gehört zu jeder nachhaltigen und verantwortungsvollen Unternehmens- und Gesellschaftsphilosophie. Von der Integration handicapierter Menschen profitiert neben der gesamten Volkswirtschaft auch das Unternehmen in vielerlei Hinsicht:
      • Hervorragende Qualität der Dienstleistungen Behinderter
      • Motivation für alle Mitarbeitenden, weniger Absenzen, erhöhte Lebens- und Arbeitszufriedenheit usw.
      • Automatische Erhöhung der Sozialkompetenz der Individuen
      • Sensibilisiertes Zusammengehörigkeitsgefühl dank gemeinsamer
      • Verantwortung und Ausprägung des „Wir-Gefühls“
      • Konsequenz: Messbare Steigerung des Firmenerfolgs

Die Unternehmen können so eine Vorbildfunktion für die gesamte Gesellschaftsstruktur ausüben.

Weitere Informationen:

Firstcatering.ch

This-Priis



Fotos: Bea Lang, Agentur van Essel