März 2005 - Insieme

03 - 2005

Insieme

März 2005 - PDF Version

Wir gelten für viele als Vorbild

Ein integratives Arbeitsprojekt ganz besonderer Art läuft seit über einem Jahr in Bassersdorf (ZH): Die First Catering Produktion AG hat in ihrem Betrieb die kleine, eigenständige Firma Notz Produktionen integriert, die 33 Menschen mit Behinderung beschäftigt.

Ein Experiment mit Modellcharakter. insieme sprach mit Markus Oberholzer, Geschäftsführer

und Präsident des Verwaltungsrates der First Catering Produktion AG und mit Hansjörg Notz,

Inhaber und Geschäftsführer der Notz Produktionen.

Text und Bild: Urs Frey

Vor acht Jahren begann die First Catering AG (siehe Kästchen), mit der geschützten Werkstätte der Psychiatrischen Klinik in Embrach (ZH) zusammenzuarbeiten. Ausgelagert wurde ein ganzer Produktionsprozess: das Abpacken und Kontrollieren der zahlreichen verschiedenen Bestecksets für die Passagiere der Airlines, die von der First Catering Produktion AG beliefert werden.

Die Mitarbeiter der geschützten Werkstätte machten ihren Job gut, die Zusammenarbeit funktionierte. Im Verlaufe der Jahre kamen bei der First Catering immer mehr Kunden dazu, entsprechend wuchs auch das Auftragsvolumen bei der geschützten Werkstätte Embrach. Schliesslich wurde tonnenweise Besteck zwischen Bassersdorf und Embrach hin und her transportiert, "ein ökonomischer und ökologischer Unsinn", wie Markus Oberholzer, Geschäftsführer der First Catering Produktion AG, bald einmal feststellte.

Um den Materialtransport zu eliminieren machte Oberholzer den Verantwortlichen der geschützten Werkstätte Embrach den Vorschlag, die ganze Gruppe von Mitarbeiterinnen, die mit dem Kommissionieren der Bestecke beschäftigt war, bei sich im Betrieb in Bassersdorf zu integrieren. Der Vorschlag stiess auf offene Ohren und Gruppenleiter Hansjörg Notz wurde mit dem Auftrag betreut, das Projekt zu begleiten. Da Notz von Anfang an bei dem Projekt mit dabei war, war er Garant für die nötige Sozialkompetenz.

Das Projekt liess sich gut an, trotzdem entschloss sich Oberholzer nach rund einem Jahr, die Vergabe des Auftrages neu auszuschreiben. Nebst andern bewarb sich auch Hansjörg Notz, jetzt allerdings als eigenständiger Kleinunternehmer, seine Arbeitsstelle bei der geschützten Werkstätte Embrach hatte er in der Zwischenzeit gekündigt. Und Notz erhielt den Zuschlag. Seine Mitarbeiterinnen blieben praktisch ausnahmslos dieselben wie vorher: Frauen und Männer mit geistiger Behinderung und/oder psychischer Beeinträchtigung, die jetzt von der Einzelfirma Notz Produktionen angestellt wurden. Seit rund einem Jahr arbeitet die kleine Notz Produktionen jetzt unter dem Dach der First Catering.

Herr Oberholzer, wie sind Sie überhaupt auf den Gedanken gekommen, einen Teil Ihrer Produktion von Menschen mit einer Behinderung ausführen zu lassen?

Markus Oberholzer: Rein betriebswirtschaftlich wäre es für mich kostengünstiger, die Besteckaufbereitung betriebsintern zu lösen. Aber es gibt einen andern Grund: Wir haben letztes Jahr 1,75 Millionen Bestecksets bereitgestellt und ganze zwei schriftliche Reklamationen erhalten! Wenn wir die Arbeit betriebsintern ausführen würden, hätten wir ein Mehrfaches an Reklamationen. Diese Zuverlässigkeit und Genauigkeit, mit der die Menschen mit einer Behinderung arbeiten, das erreichen wir nie. Und diese Qualitätssicherung ist mir den Mehrpreis wert.

Also steht nicht Ihr soziales Engagement im Vordergrund?

Markus Oberholzer: Im Betriebsleitbild der First Catering steht auch der Begriff "Sozialkompetenz". Davon sprechen heute ja viele. Aber wir versuchen, dem wirklich nachzuleben, und zwar nach innen und nach aussen. Nach innen, indem die Mitarbeiterinnen der First Catering und diejenigen der Notz Produktionen unter demselben Dach zusammenarbeiten, am selben Tisch in der Kantine Mittag essen. Das ist heute für alle völlig normal. Nach aussen, indem wir über das Arbeitsmodell berichten und andere Betriebe motivieren, sich in dieser Hinsicht zumindest Gedanken zu machen.

Würden Sie andern Unternehmen empfehlen, Ihr Modell zu übernehmen?

Markus Oberholzer: Unbedingt. Ich gebe auch Vorträge, in denen ich aufzeige, dass dieses Modell auf sehr unkomplizierte Art und Weise übernommen werden kann. Bei den Kunden löst unser Engagement viele positive Reaktionen aus. Nicht selten werden wir als Vorbild genannt.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Ihr Arbeitsmodell funktioniert?

Markus Oberholzer: Es braucht einen kompetenten Partner, eine Firma wie in unserem Fall die Notz Produktionen, die über die nötige Sozialkompetenz verfügt oder die bereit ist, sich diese anzueignen.

Herr Notz, Sie haben Ihren Job bei der geschützten Werkstätte Embrach gekündigt, sich selbständig gemacht und Embrach nicht nur den Auftrag weggenommen sondern gleich auch noch die MitarbeiterInnen abgeworben?

_Hansjörg Notz:_ Ich war nie ein guter "Kantönler". Für mich stand immer die Zufriedenheit der Mitarbeitenden im Vordergrund. Ich habe mich auch entsprechend eingesetzt, wurde aber immer wieder gebremst. Heute mache ich zwar im Wesentlichen dieselbe Arbeit, aber in eigener Verantwortung. Jetzt kann ich beweisen, dass ich gut bin. Was die Mitarbeitenden anbelangt: Die sind ohne Ausnahme aus eigenen Stücken zu mir gekommen, ich habe da überhaupt keine Werbung machen müssen.

Warum ist es denn soviel attraktiver, bei Notz Produktionen zu arbeiten?

Hansjörg Notz: Die Menschen haben hier eine Struktur, einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft. Sie kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, arbeiten und essen gemeinsam mit allen andern in der Kantine, sind integriert. Wenn jemand sie fragt, wo sie arbeiten, sagen sie stolz "Ich arbeite bei der First Catering!".

Markus Oberholzer: Einer der Gradmesser für die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen sind für mich die krankheitsbedingten Absenzen. Wenn wir die Zahlen vorher in der geschützten Werkstätte und heute bei Notz Produktionen vergleichen, dann ist das wie Schwarz und Weiss.

Wie weit reicht Ihre Verantwortung gegenüber Ihren MitarbeiterInnen mit einer Behinderung? Was passiert beispielsweise, wenn die First Catering redimensionieren muss?

Markus Oberholzer: Eine Frage mit Aktualitätsgehalt... Aufgrund der Tsunami-Katastrophe haben wir zahlreiche Langstreckenflüge verloren. Theoretisch hätte ich, zumindest vorübergehend, die Arbeit der Notz Produktionen mit meinen eigenen Leuten ausführen können. Das habe ich aber nicht getan. Das Sicherstellen von Arbeit für die Menschen mit einer Behinderung zähle ich mit zu meiner sozialen Verantwortung.

In wieweit engagieren Sie sich auch im privaten Bereich ihrer MitarbeiterInnen mit einer Behinderung?

Markus Oberholzer: Da haben wir eine ganz klare Trennung: Die First Catering hat diesbezüglich keine Kompetenzen und engagiert sich demzufolge auch nicht.

Hansjörg Notz: Von den meisten meiner MitarbeiterInnen ist mir das private Umfeld natürlich vertraut. Viele

von ihnen leben in einer festen sozialen Struktur, in der Familie, in einer Institution, in der Klinik. Aber es gibt immer wieder Menschen, die diesbezüglich ein Bedürfnis haben und deshalb haben wir uns entschlossen, auf kommenden Herbst eine Wohngruppe zu gründen. Das Projekt ist aber noch in der Planungsphase.

Wie beurteilen Sie die Leistungsfähigkeit der einzelnen MitarbeiterInnen und wie setzt sich der Lohn zusammen?

Hansjörg Notz: Ich mache mit jedem neuen Mitarbeitenden nach einem Monat ein Qualifikationsgespräch. Dabei definieren wir gemeinsam die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Der Stundenlohn liegt zwischen einem und fünf Franken. Je besser die Leistung, desto höher der Lohn. Der Lohn meiner MitarbeiterInnen setzt sich aus dem Verdienst, den IV- und den Ergänzungsleistungen zusammen.

Wie hoch sind die Arbeitspensen?

Hansjörg Notz: Da haben wir alles. Es gibt beispielsweise auch Leute, die zufrieden sind, wenn sie einfach ein paar Stunden zuschauen dürfen. Sie finden hier ein soziales Umfeld, kriegen dadurch eine Tagesstruktur. Manche beginnen mit zwei Stunden pro Tag und steigern die Stundenzahl dann langsam. Etwa die Hälfte der Mitarbeiterinnen arbeitet 100 Prozent.

Sie sind in einer stark konjunkturabhängigen Branche tätig. Wie beurteilen Sie Ihre wirtschaftliche Zukunft?

Markus Oberholzer: Wenn wir unserer Philosophie als Nischen-Caterer treu bleiben, bin ich optimistisch. Klar, die Margen sind kleiner geworden, das heisst aber nicht, dass man damit nicht auch Erfolg haben kann. Eine gewisse Bescheidenheit ist auch wichtig.

Hansjörg Notz: Ich könnte noch viel mehr Leute einstellen, die Nachfrage ist riesig, einzig und allein aufgrund der Mund-zu-Mund-Propaganda. Das beweist, dass sich die Menschen hier wohl fühlen.